„Zum ersten Mal bei dieser Runde im Kanzleramt passiert das, was später zum Wesensmerkmal der Politik in der Corona-Krise wird: Noch während die Sitzung läuft, gibt es auf Nachrichtenseiten und bei Twitter eine rege Berichterstattung darüber, was hinter den verschlossenen Türen gerade passiert“, schreibt Robin Alexander über die Ministerpräsidentenkonferenz mit der Bundeskanzlerin am 12. März 2020. Angela Merkel drängt angesichts steigender Infektionszahlen auf klare Entscheidungen, und ihre potenziellen Nachfolger kämpfen um Profil: „Laschet kann an diesem Tag quasi in Echtzeit miterleben, wie er zum Weichei und Zögerer gemacht wird. Söder nutzt auch diesen Mechanismus geschickt. Er setzt sich heute nicht nur von Laschet ab, sondern auch von Merkel.“ Dreizehn Monate später, am 18. April 2021 während einer Nachtsitzung im Berliner Reichstag, verliert Söder den Machtkampf mit Laschet.

Grudrun Senger

Auch diese Runde schildert Robin Alexander aus verschiedenen Perspektiven wie eine Folge House of Cards. Im Zentrum seines Reports steht allerdings Angela Merkel, die sich in ihrer letzten Staffel durch mehrere Handlungsstränge kämpft: Donald Trump lässt keine Gelegenheit aus, um NATO, EU und Deutschland unter Druck zu setzen. Die Kanzlerin will nach 16 Jahren im Amt ihrer Partei den Weg ebnen, weiterhin das Land zu führen. Die Bewältigung der Corona-Pandemie beeinflusst entscheidend, welche Wendungen die beiden anderen Plots nehmen. Wenn er die zahlreichen Konflikte schildert, betont Robin Alexander immer wieder, nach welchen Mustern Merkel handelt. Für sie „ist Politik ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft neben anderen. In ihrem Sinne fällt eine Kanzlerin Entscheidungen – so wie eben ein Wissenschaftler forscht, ein Arzt operiert, ein Bankvorstand Kredite vergibt. Als Profi unter Profis versteht sie sich, nicht als Identifikationsfigur einer Gemeinschaft.“ So agierte sie während der Finanz- und der Flüchtlingskrise, so hielt sie Deutschland aus Konflikten heraus und baute beispielsweise stabile Handelsbeziehungen mit China auf. Robin Alexander folgt seinem Bestseller Die Getriebenen und blickt tief hinter die Kulissen des Politikbetriebs. Dabei erzählt er mehr vom wilden, rücksichtslosen, egozentrischen Spiel um künftige Macht als von ihrem Verfall.

Robin Alexander: Machtverfall – Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report. Siedler 2021, 384 Seiten

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Weshalb die CDU während der Kanzlerschaft von Angela Merkel die Politik im Wettbewerb mit ihren Partnern prägte, liegt für Günter Bannas klar auf der Hand. Die Partei verschob ihre Koordinaten: „Was als ideologischer Ballast galt, wurde abgeworfen. Der SPD und auch den Grünen die ›Themen‹ zu nehmen und damit auch die Wähler, entwickelte sich zur Strategie. Auf Widerständler in der Union musste niemand mehr Rücksicht nehmen. Die CDU blieb stärkste Partei, Merkel im Kanzleramt – mit stets guten Umfragewerten.“ In seinem Buch reflektiert er, wie der Bundespolitikbetrieb im beschaulichen Bonn arbeitete und wie er sich 1999 nach dem Umzug in das laute Berlin veränderte. Damals regierte Gerhard Schröder und führte das rot-grüne Bündnis in die zweite Amtszeit, ehe eine vorgezogene Bundestagswahl die Koalition beendete. „Die Wende von 2005 an der Spitze der Bundesregierung zog einen Stilwechsel in Rhetorik, öffentlichem Auftreten und Führungsverhalten des politischen Spitzenpersonals nach sich“, erinnert Günter Bannas, „Schröder war mal überbordend nett und zuvorkommend, mal in boshafter Art abweisend. Merkel war zurückhaltend, dabei gleichbleibend höflich und freundlich. Schröders Führungsstil war männlich-dominant, Merkels Führungsverhalten moderierend.“

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Zwischen 1981 und 2018 berichtete Günter Bannas aus der jeweiligen Hauptstadt für die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Mit Gelassenheit, Überblick und Humor erzählt er von Alltag des Politpersonals, leuchtet das Spannungsfeld zwischen Krach und Karriere aus. Beispielsweise fiel in die Phase des Umzugs vom Rhein an die Spree die Neupositionierung der SPD. Brüche wie diese eröffneten Angela Merkel die Chance, ins Kanzleramt zu ziehen. Wenn Günter Bannas schildert, wie sich Politik und Medien in Berlin neu erfanden, zieht er ihre politische Biografie heran: „Merkel hatte nicht im politischen Sandkasten der Nachwuchsorganisation ihrer Partei gespielt, so wie es Kohl und Schröder getan hatten. Dort hatten sie das Handwerk der Politik gelernt. Außer auf Kohl – und sich selbst – konnte sich Merkel auf niemanden verlassen.“ Sein Buch erklärt, nach welchen Regeln die Bundespolitik in den vergangenen Jahren funktionierte.

Günter Bannas: Machtverschiebung – Wie die Berliner Republik unsere Politik verändert hat. Propyläen 2019, 336 Seiten

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