„Eine neue Dimension von Gewalt, wie das Land sie seit Langem nicht gesehen hat, ist gewiss wahrscheinlich, wenn Trump das Weiße Haus verliert“, schlussfolgert der Politikwissenschaftler Torben Lütjen aus seiner Analyse von Gründen für die tiefe Spaltung der USA. Sie könnte bestehen bleiben, denn das Bündnis des abgewählten Präsidenten und seiner Basis wirkt stabil, „solange alles nach dem Drehbuch der ersten drei Jahre dieser Präsidentschaft abläuft: wenig reale Politik, keine Kompromisse mit der Gegenseite, jeden Tag maximale Empörung. Die vermeintlich eiserne Treue zu ihm bezieht sich einzig und allein auf sämtliche Anschuldigungen der Gegenseite, die ihm in der Tat nichts anhaben können und den faustischen Pakt zwischen ihm und seiner Anhängerschaft nur stärken.“ Der typische Trump-Zyklus aus Tabubruch, Grenzüberschreitung und Ignoranz jeglicher Regel des politischen Systems mit anschließender öffentlicher Empörung als Gegenreaktion stellte nicht nur ihn zufrieden, sondern auch seine Fans.

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Torben Lütjen schrieb diese Studie zwischen 2017 und 2020 während seiner Arbeit in Tennessee. Aus nächster Nähe beobachtete er Entfremdung und Hass zwischen den großen politischen Lagern: „Die wirklich überzeugten Parteianhänger von Demokraten und Republikanern können sich schlichtweg einfach nicht ausstehen“, stellt er fest. Sie finden keinen Draht mehr zueinander, weil „beide Seiten nicht mehr auf der Grundlage gleicher Wirklichkeitsannahmen operieren, sondern sich in alternativen Realitäten bewegen.“ Diese beispiellose Polarisierung belegt er mit zahlreichen Daten. Sie zeigen nicht nur die bekannten Unterschiede im Medienkonsum, sondern auch im gesamten Lebensstil von der Kindererziehung über die Wahl des Wohnortes bis zur Automarke. Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten gehen sich möglichst aus dem Weg, grenzenlose Auswahl in jeder Beziehung führte zu maximaler Autonomie. Torben Lütjen beschäftigt sich zudem mit den Spuren dieser Entwicklung in früheren Präsidentschaften seit Richard Nixon und untersucht, wie die Konfliktfelder Rasse, Religion und Staatsverantwortung politisiert wurden. Um abschätzen zu können, welchen Schaden Donald Trump als Präsident anrichten konnte, empfiehlt er den Report Erhöhtes Risiko von Michael Lewis. Torben Lütjen analysiert pointiert und profund, weshalb die Wahl von Donald Trump möglichweise nur der Beginn weiterer tiefgreifender Veränderungen in den USA war.

Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg – Wie ein Land seine Mitte verliert. wbg Theiss 2020, 224 Seiten

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Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Das Peace Monument vor dem Capitol in Washington, fotografiert am 6. Januar 2021, als der Kongress zusammentrat, um den Wahlsieg von Joe Biden zu bestätigen. Die Sitzung musste unterbrochen werden, weil Donald Trump, der seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 nicht anerkennt, in einer Rede vor dem Weißen Haus seine Anhängerinnen und Anhänger aufwiegelte. Sie zogen zum Capitol, einige von ihnen drangen gewaltsam in das Gebäude ein.

James Comey stemmte sich 2017 gegen den Wunsch des neuen Präsidenten, in den Russland-Ermittlungen beide Augen zuzudrücken. Trump forderte bedingungslose Loyalität für sich persönlich, Comey fühlte sich dem Amt verpflichtet. Deshalb verlor er seinen Posten als FBI-Chef: „Ich gestehe, dass ich durchaus auch erleichtert war, entlassen worden zu sein, weg zu sein von Donald Trump und seinem Netz aus Lügen, seinen endlosen Forderungen nach persönlichen und institutionellen Kompromissen.“ Allerdings konnte er begonnene Reformen im FBI nicht weiterführen, was er sehr bedauert. Nachdem er 2013 von Barack Obama zum Leiter der Behörde ernannt worden war, konzentrierte er sich darauf, das Vertrauen der Bevölkerung in die Bundespolizei und seine Glaubwürdigkeit zu verbessern, um die wachsende Polarisierung im Land zurückzudrängen. Er ließ beispielsweise lange zurückliegende Prozesse untersuchen, in denen Gerichte Fehlurteile fällten, weil FBI-Experten ihre Erkenntnisse falsch interpretierten.

Jared Soares/NYT/Redux/laif

James Comey schilderte seine mühselige Auseinandersetzung mit Donald Trump ausführlich im Bestseller Größer als das Amt, ebenso wie die umstrittenen Ermittlungen gegen die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten Hillary Clinton. In seinem neuen Buch erinnert er sich an prägende Ereignisse in seiner Karriere als Staatsanwalt, Rechtsanwalt und stellvertretender Justizminister unter Präsident George W. Bush. Er ermittelte gegen Entführer, Betrüger, Terroristen und Mafiabosse. Stets bewegte er sich im Spannungsfeld zwischen Transparenz, Geheimhaltung und der Verpflichtung seiner Aufgabe gegenüber. Entsprechend scharf beurteilt er den inzwischen gefeuerten Präsidenten Trump: „Er log nicht nur häufiger und leugnete mehr Dinge als jede andere Führungspersönlichkeit in unserer Geschichte, er und seine Anhänger taten zudem etwas hochgradig Gefährliches. Sie beschädigten unser Verständnis von Wahrheit: dass es sie gibt und dass man sie finden kann. Die Wahrheit als Prüfstein, das war lange die Übereinkunft in unserem Land – nach ihr soll man streben, sie soll man sprechen.“ Aus seinem Blickwinkel als Jurist setzt James Comey besondere Erwartungen in das Rechtssystem, um das Land zu befrieden. Allerdings sieht er auf dem Weg zu mehr Akzeptanz der Institutionen große Hindernissen, denn „der nächste Justizminister wird all dies im Auge eines Sturms an Lügen von Fox News-Mitarbeitern und Donald Trumps nächstem Selbstverherrlichungsprojekt erreichen müssen.“

James Comey: Nichts als die Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems. Übersetzt von Gisela Fichtl, Karl Heinz Siber, Pieke Biermann, Hella Reese, Monika Köpfer, Karsten Singelmann, Elisabeth Liebl, Stephan Kleiner und Christiane Bernhardt; Droemer 2021, 288 Seiten

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