Was sagt es über die Medien und speziell das Fernsehen aus, dass der Reality-TV-Star Donald Trump US-Präsident wurde? Welche anderen Politikerinnen und Politikern offenbar verborgenen medialen Spielregeln nutzte er, um die Wahl 2016 zu gewinnen und sich im Weißen Haus zu halten? Zwei Bücher geben erste Antworten.

„Das wirklich neue am Phänomen ›Trump‹ ist, dass er mit seinen Entertainment-Fähigkeiten einen neuen Hybrid aus Politik und Comedy geformt hat, der auch vor negativer Medienaufmerksamkeit nicht zurückschreckt und somit die anvisierte Wähler_innenschaft genauso wie das gegnerische Lager als Publikum adressiert“, betont Sophie G. Einwächter. Im April 2017 diskutierten Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in der Universität Tübingen, wie der Präsident Trump als Produkt des Fernsehstars Trump verstanden werden kann. Ihre Texte erklären beispielsweise, weshalb ihm mit den üblichen Mitteln von Politik-Auseinandersetzungen wie überprüfbaren Fakten und sachlichen Debatten nicht beizukommen war. Denn er setzte er auf gefühlte Wahrheiten und lebte in seiner eigenen Medienrealität. Sie untersuchten auch, wie Fernsehsender und Printmedien durch ihre Berichte eine Präsidentschaft Trumps möglich erscheinen ließen, wenn auch unfreiwillig.

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Spätestens mit der Castingshow The Apprentice, produziert im Trump Tower und ausgestrahlt ab 2004 auf NBC, wurde Donald Trump landesweit bekannt. Auf dem Foto wirbt er im Juli 2004 nach der ersten Staffel in Los Angeles für sein Format. Darin präsentierte er sich als erfolgreicher Geschäftsmann, die Siegerin oder der Sieger sollte einen Job in seinem Unternehmen erhalten. „Als Grenzform eines Fernsehens, das unter dem Begriff des Reality-TV eine Vielzahl an interventionistischen Formaten erfunden hat“, schreibt der Dominik Maeder, „stellt The Apprentice in besonders exponierter Weise die dramaturgisch notwendige Willkür von Entscheidungsprozessen aus, die Donald Trump im Laufe der 14 Staffeln zur Pathosformel werden wird: ›You’re fired!‹“ Die etwa 18 Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden in zwei Teams eingeteilt, die in jeder Folge eine von Trump gestellte Aufgabe erfüllen mussten, und ein Mitglied des Verliererteams gefeuert.
Tanja Weber vergleicht den Medienunternehmer und früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit dem Bauunternehmer und Präsidenten Donald Trump. Sie untersucht vielseitig, welchen Gesetzen ihre geschäftlichen und politischen Auftritte folgten. „Berlusconi verkaufte Politik. Er setzte Marketingstrategien ein, um die gesellschaftliche Stimmung zu sondieren und bot sich anschließend an als das beste Produkt für den italienischen Traum des Neuanfangs“, fasst sie zusammen, Trump nutzte „Medien wie Immobilienprojekte und überschwemmte den Medienmarkt mit medialen Trump-Objekten.“
Dieser Sammelband ist lesenswerte, wissenschaftliche Lektüre und bietet viele Anknüpfungspunkte für Diskussionen über die Verantwortung von Medienschaffenden.

Dominik Maeder, Herbert Schwaab, Stephan Trinkaus, Anne Ulrich, Tanja Weber (Hrsg.): Trump und das Fernsehen – Medien, Realität, Affekt, Politik. Herbert von Halem 2020, 384 Seiten

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Während der Corona-Pandemie sprach Donald Trump zeitweise fast täglich zu Journalistinnen und Journalisten, die Kolumnistin Susan B. Glasser nannte die im Fernsehen live übertragenen Auftritte Trumps allabendliche Show der Dummheit. Auf dieser Pressekonferenz am 26. Februar 2020 sagte er, in den USA gäbe es nur fünfzehn Covid-19-Fälle und sie würden bald gegen Null sinken, „es ist wie eine Grippe“. Zwei Tage später nannte er das Virus einen Schwindel. Später enthüllte Bob Woodward in Wut, dass der Präsident ihm schon am 7. Februar das hohe Risiko einer Infektion geschildert hatte: „Das ist ein sehr schwieriges Ding. Es ist auch noch tödlicher als die schlimmste Grippe.“ In der Öffentlichkeit spielte Trump die Gefahr bewusst herunter, um eine Panik zu vermeiden.

„Alle Präsidenten haben die politische Kultur des Landes beeinflusst. Bei Trump sticht abseits kontroverser politischer Programme sein Auftreten hervor. Diese Form überhöhter Selbstdarstellung haben die USA noch nicht gesehen“, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Klaus Kamps, bevor er den Medienkonsum von Donald Trump analysiert. Neben dem Fernsehen nutzte dieser Präsident vor allem Twitter. Dort setzte er Themen, verkündete amtliche Regierungspolitik, entließ und ernannte Minister. Er bewertete und beleidigte politische Widersacher und alle, die er dafür hielt. Im Mittelpunkt stand stets er selbst, „sein ›Standing‹, seine ›Ratings‹, seine Erfolge. Auch in den eher formalen Interviews, vorzugsweise bei Fox News, geht es oft genug weniger um die Sache, mehr um Angriffe auf Demokraten oder den Deep State: Eine vermeintliche Kabale frustrierter Bürokraten, die sich gegen seine Präsidentschaft und damit sein Amerika (wie es wieder werden sollte) verschworen hätten.“

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So konnte er seine Basis permanent direkt und ohne Kommentare von Journalistinnen und Journalisten erreichen, demonstrierte im Umgang mit den Medien seinen umfassenden Machtanspruch. Auf diese Weise beeinflusste er nicht nur die Sicht seiner Follower auf politische Ereignisse, sondern auch ihre Haltung zu den Medien, beispielsweise zum Fernsehen. „Ein erheblicher Teil seiner Tweets bezieht sich auf Dinge, die er im Fernsehen hört und sieht, seien es nun kritische Punkte oder solche, die ihm gefallen. Er kommentiert die Shows als Fernseh-Produzent: Er beurteilt Drama, Ästhetik, Performanz der Moderatoren oder Protagonisten“, schreibt Klaus Kamps, „und er weiß die beiden Medien zu koppeln: Je mehr die Kabelsender dazu übergingen, seine Tweets als Breaking News zu behandeln, umso feiner wurde seine Ansprache in den Posts abgestimmt auf die Bedürfnisse der Redaktionen. Und dann kommentiert er die TV-Kommentare zu seinen Tweets, die dort als Sensation verarbeitet wurden.“
Donald Trump führte einen nie enden wollenden Kampf um Glaubwürdigkeit und Aufmerksamkeit. In seinem Streifzug durch die Trump-Medienlandschaft analysiert Klaus Kamps neben Kommunikationsstrategien auch Folgen für die Demokratie und die Zukunft des Journalismus.

Klaus Kamps: Commander-in-Tweet – Donald Trump und die deformierte Präsidentschaft. Springer 2020, 141 Seiten

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