Robert Habeck liebt Geschichten. Der Philosoph, Schriftsteller und Co-Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen fuhr seit 2018 kreuz und quer durch die Republik, um die Distanz zu „denjenigen, die von politischen Entscheidungen betroffen sind, zu verringern, nahbar zu sein, Nähe zuzulassen, Kontakte und Begegnungen zu ermöglichen und zu erleben. Die Geschichten der Menschen, ihre Hoffnungen, Nöte und Schicksale politisch zu übersetzen und politische Entscheidungen zu vermitteln.“ Zwei Bücher spiegeln auch die Erfahrungen dieser Reisen wider.

Bildrechte beim Autor„Die Lehre und Aufgabe aus der Corona-Krise ist, dass etwas sichtbar wurde, was vielleicht erklären kann, woher die Dynamik der Spaltungen in der Gesellschaft kommt: Gerade das, was in den letzten Jahrzehnten erfolgreich war, was die moderne Gesellschaft stark und reich gemacht hat – globale Märkte, ein hoher Grad an Individualisierung, Mobilität, Freiheitssinn und Selbstverwirklichung –, macht die Gesellschaft auch verwundbar, angreifbar und verletzlich“, schreibt Robert Habeck über die wachsende Polarisierung in Deutschland. Auf der Suche nach tiefer liegenden Gründen wendet er beispielsweise Ergebnisse der Analyse Das Licht, das erlosch von Ivan Krastev und Stephen Holmes auf die Entwicklung in Deutschland an. Das Vertrauen in die politische Ordnung sei zu stärken, weil sonst Pläne für den Klimaschutz, technologischen Fortschritt und eine bessere weltweite Zusammenarbeit gefährdet würden. So diskutiert Robert Habeck vor dem Hintergrund dessen, was während der Corona-Krise entschieden wurde, Angebote für mehr Sicherheit und Stabilität: „Wenn wir jetzt in Bildung und öffentliche Räume investieren, warum nicht dauerhaft? Wenn Gesundheit einmal Vorrang vor kurzfristigen Wirtschaftsinteressen hat, warum soll das nicht auch bei Klimaschutz oder Verkehr gelten?“ Er will unter anderem mit starken sozialen Netzen Diskussionen vor Ort beleben und geschlossene Stoffkreisläufe fördern, um den „Kapitalismus ökologisch zu bändigen“. Bürgerräte sollen Politikerinnen und Politiker unterstützen, denn demokratisch legitimierte Macht müsse immer wieder neu gerechtfertigt werden: „Es ist Zeit, ein neues Machtverständnis zu entwickeln. Eine Macht des Miteinander.“

Robert Habeck: Von hier an anders – Eine politische Skizze. Kiepenheuer & Witsch 2021, 384 Seiten

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Robert Habeck will sich zwar auf die politische Sprache konzentrieren, doch sein Streifzug durch die Welt der Worte verlässt diesen Rahmen schnell: „Nur was wir sagen können, können wir denken. Was wir aussprechen, wird Wirklichkeit. Lobe einen Menschen, und seine Freude darüber macht ihn selbstbewusster, kritisiere ihn, und er zweifelt an sich.“ Er blickt hinter Sprachbilder und entlarvt das politische Universum ihrer Absender. Wer Diskussionen ins Leere laufen lässt, kann die eigene Politik als alternativlos darstellen und mit technokratischen Formeln das Publikum einschläfern. Um beispielsweise Talkshow-Langeweile zu vermeiden und „wenn Politik nicht doofer sein will als ihr Ruf, dann muss sie sich von den Ritualen des Sieges und der Niederlage frei machen.“ Mehr noch bewegt ihn, wie im zugespitzten Diskurs moralische Fragen als Rechthaberei abgetan werden, enthemmte Sprache aufhetzt, inhumane Sprache stigmatisiert und Emotionen unterdrückt: „Wer das Reden verächtlich macht, verachtet das, was eine Gesellschaft zusammenhält, der verachtet, was die Grundlage für eine funktionierende Demokratie ist: den friedlichen Interessenausgleich. Wir müssen erst verhandeln, um dann zu handeln.“
Robert Habeck arbeitet heraus, welches Denken hinter einer bestimmten Sprache steckt, wie eine andere Sprache zu einer veränderten Politik, einem veränderten Denken und schließlich einem anderen Land führt. Er fordert, sich auf Argumente zu konzentrieren, denn mit ihnen lassen sich Mehrheiten gewinnen. Sein Buch warnt vor Manipulation durch Sprache und lädt ein, sich und Anderen genauer zuzuhören und selbst präziser zu sprechen.

Robert Habeck: Wer wir sein könnten – Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. Kiepenheuer & Witsch 2018, 128 Seiten

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