Wer „Die Lastenträger“ in unserem Land sind, stellt Günter Wallraff in seinem neuen Buch zu Beginn klar: „Jedem vierten Beschäftigten in Deutschland wird heute durch Unterbezahlung genommen, was andere aufhäufen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihren Millionen und Milliarden.“ Deutschland wird auch durch Armut, Demütigung und Entwürdigung finanziert. Wallraff geht wie immer dahin, wo es weh tut.

Sie haben als Callcenteragent, Hilfsbäcker und Paketauslieferer gearbeitet. Was haben Sie über Deutschland gelernt?

Ich habe gelernt, dass es „die da unten“ nach wie vor und in wachsender Zahl gibt. Ich habe im Callcenter erlebt, wie meine Kollegen gezwungen wurden, für fünf Euro die Stunde meist einsamen, alten Menschen wertlose Produkte aufzuschwatzen. Ich war Billigfraß produzierender Hilfsbäcker für Lidl und Paketfahrer für GLS, Hermes und DPD. Für einen Monatslohn von 1000 bis 1200 Euro sind die Kollegen bis zu 14 Stunden täglich unterwegs, oft ohne Pause. Ich bewundere diese Menschen, die jahrelang ihren Buckel hinhalten und sich das Kreuz nicht brechen lassen. Jeder Vierte ist heute ein Billiglöhner, arm durch Arbeit auch im Alter und zehn Jahre früher tot, so die Statistik. Viele können sich aus dieser Tretmühle nicht befreien, da alle Kraft von der Arbeit aufgezehrt wird. Es ist wie in Zeiten der Frühindustrialisierung.

 Was muss passieren, dass diejenigen, die arm gehalten werden, aufstehen?

 Überall werden Werkverträge, Zeitverträge und andere Dumpingformen tiefer in die früher sicheren Kernbelegschaften hineingetrieben. Das müssen wir stoppen! Voraussetzung ist ein Lernprozess, dem sich alle, also die Gewerkschaften, die vermeintlich noch sicheren Berufe und auch die Zivilgesellschaft anschließen. Sonst werden immer mehr in diesen Sumpf aus Rechtlosigkeit und Überausbeutung hineingezogen. Die dort schon feststecken, brauchen direkte Hilfe, damit sie sich gemeinsam wehren.

 Jahrelang waren Sie allein undercover unterwegs, jetzt schreiben Betroffene selbst. Wie können ihre Stimmen noch lauter werden?

Sie sind ja schon laut. Wir müssen nur hinhören. „Die Lastenträger“ sind kluge, spannende, erfahrene und respektable Menschen, die etwas zu sagen haben. Wenden Sie sich ihnen zu, wenn sie an Ihrer Tür stehen und ein Paket abliefern. Wenn Sie einen Handwerker bestellen, dann fragen Sie auch nach seinen Arbeitsbedingungen. Es gibt viele Möglichkeiten, offener durch die Arbeitswelt zu gehen, die soziale Frage zu thematisieren. Wir werden jedenfalls gemeinsam mit Projekten wie „work-watch“ als Zivilgesellschaft weiter hinschauen und denen eine Stimme geben, die sonst überhört und übersehen werden.

Günter Wallraff (Hg.): Die Lastenträger. Arbeit im freien Fall – flexibel schuften ohne Perspektive. Kiepenheuer & Witsch 2014, 304 Seiten