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„Ich betrete das Viereck eines Tennisplatzes und es ist egal, in welcher Liga ich spiele, in welchem Alter ich bin und wo ich mich befinde. Sobald ich mich zum ersten Punkt bereitstelle, bricht die gesamte Welt über mir ein. Vom ersten Aufschlag bis zum letzten Return: Ich bin allein und – Spoilerwarnung – es wird keiner kommen, um mich zu retten“, schreibt Andrea Petković im Kapitel Dranbleiben. Unterhaltsam und nachdenklich reflektiert sie ihr Leben auf und neben dem Platz. Sie erzählt von Freundinnen, mit denen sie aufwuchs, spielte, kämpfte und die bis heute zu ihren Fixpunkten gehören. Amüsant und selbstkritisch hinterfragt sie ihre Leistungskurve, die mit sechs Jahren startete und sie bis in die Top 10 führte: „In Phase eins einer Karriere schmeißt man sich mit wilder Unwissenheit in jedes Abenteuer und meistert es mithilfe eines naturgegebenen Instinkts. In Phase drei ist man erfahren genug, Situationen und ihre möglichen Auswirkungen einzuschätzen und damit entsprechend umzugehen. Phase zwei einer Karriere ist die schwierigste. Es ist die Phase, in der man genug gesehen hat, um zu verstehen, was auf einen zukommt, aber zu wenig erlebt hat, um das nötige Handwerkszeug parat zu haben, damit umzugehen.“

Nils Heck

Geboren 1987 in Bosnien, kam Andrea Petković sechs Monate später mit ihrer Familie nach Darmstadt. Ihr Vater arbeitete dort als Tennistrainer. So sah sie im Sport die Chance, mit Härte und Disziplin schnell ihren eigenen Weg zu finden. Im Buch schildert sie viele Erlebnisse dieser Anfangsjahre, in denen sie sich trotzig nach oben arbeitete. Dann folgte der Streifzug durch die Grand-Slam-Turniere. Sie spart dabei die nervtötende Einsamkeit in Hotelzimmern irgendwo auf der Welt, die frustrierenden Verletzungen nicht aus. Ihre Welt dreht sich nicht nur um Sieg oder Niederlage, sondern handelt von enger Freundschaft und großer Leidenschaft. Geistig fit hielt sie sich auch mit Literatur von David Foster Wallace und Philip Roth. Mehrfach kehrt sie im Buch zu den beiden Schriftstellern zurück, weil „sie die einzigen Autoren waren, die ich kannte, die in einer Weise über Tennis schrieben, wie ich Tennis verstand und wahrnahm.“ Andrea Petković schrieb bereits Sportreportagen und Kolumnen. Nun gelang ihr ein beeindruckendes Debüt als Buchautorin. Ihre autobiografischen Erzählungen sind ein großes Vergnügen auch für Leserinnen und Leser, die vom Tennis keine Ahnung haben.

Andrea Petković: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht – Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch 2020, 272 Seiten

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„Ich habe in meinem Leben mehr als 500 Lieder geschrieben, darunter auch einige Liebeslieder. Soweit ich mich erinnern kann, hat keines davon ein Happy End. Leidenschaft, Verzweiflung, auch zeitweiliges Glück, ja. Doch ich habe es mir nie erlaubt, ein gutes Ende auszumalen“, erinnert sich Campino. Diesmal kennt der Jubel keine Grenzen, denn in seinem Buch durchlebt er die Saison 2019/2020, als der Liverpool FC zum ersten Mal seit 30 Jahren englischer Fußballmeister wurde. Campino, bürgerlich Andreas Frege und hauptberuflich Frontmann der Toten Hosen, erzählt auf mehreren Ebenen von seiner besonderen Beziehung zu England, von der Leidenschaft für den Fußball allgemein und speziell für den LFC sowie von seiner bemerkenswerten Familie. Seine Mutter, eine englische Lehrerin, kam 1948 nach Deutschland und verliebte sich in seinen Vater, der in Stalingrad gekämpft hatte und nun aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war.

Paul Ripke

Mit fünf Geschwistern wuchs er in Düsseldorf auf, zweisprachig sowie nachsichtig von der Mutter und streng vom Vater, der Verwaltungsrichter wurde, erzogen. Diese wechselvolle Familiengeschichte rekonstruiert er auch mit Hilfe von Briefen. Wenn er von den Ferienreisen in den 1970er Jahren zur englischen Verwandtschaft erzählt, wird klar, weshalb es ihn immer wieder auf die Insel zieht. Im Mittelpunkt steht der Fußball, denn diese Spiele „gehören zu den letzten kollektiven Analog-Erlebnissen, die wir alle miteinander teilen können, ähnlich wie Theatervorführungen oder Livemusik. Wir können die Protagonisten anfeuern, verhöhnen, bejubeln oder verunsichern und haben so, wenn auch minimal, einen Anteil an der Entwicklung der Geschehnisse. Fußballspiele können als Gegenpol zur sozialen Isolation dienen, die das Internet und die Welt der Computer mit sich bringen.“ Punkrock, Fußball und England gehören für ihn untrennbar zusammen. Im März 1978 besuchte Campino in Düsseldorf sein erstes Liverpool-Spiel, im Oktober 1994 fuhr er zum ersten Mal an die Anfield Road. In der Saison 2019/2020 reist er in jeder freien Minute zu den Partien des LFC in der Premier- und Champions League. Er sorgt sich um seinen ökologischen Fußabdruck, liefert launige Tee- bzw. Pizzakurse und plaudert nach LFC-Heimspielen regelmäßig mit Jürgen Klopp in dessen Küche. Campino schrieb ein kurzweiliges Buch, in dem sich so ziemlich alles um Fußball und sehr viel um die ganz wichtigen Dinge dreht.

Campino: Hope Street – Wie ich einmal englischer Meister wurde. Piper 2020, 368 Seiten

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