Madeleine Albright verließ mit ihrer Familie zweimal ihre Heimat, die Tschechoslowakei. 1939 floh sie vor den Nazis, 1948 vor der kommunistischen Regierung. In den USA studierte sie und wurde 1993 Botschafterin der USA bei der UNO. Von 1997 bis 2001 gehörte sie als Außenministerin zur Regierung von Bill Clinton. Balkankrieg, Nah-Ost-Konflikt, die Auflösung der Sowjetunion und Nordkoreas Atomprogramm gehörten zu den Herausforderungen dieser Zeit. In ihrem neuen Buch sieht sie die Demokratie bedroht. Sie warnt vor einer Rückkehr des Faschismus: „Für mich ist ein Faschist jemand, der sich stark mit einer gesamten Nation oder Gruppe identifiziert und den Anspruch erhebt, in deren Namen zu sprechen, jemand, den die Rechte anderer nicht kümmern und der gewillt ist, zur Erreichung seiner Ziele jedes Mittel zu ergreifen, einschließlich Gewalt.“

Madeleine Albright untersucht, wie diese Merkmale das Handeln von früheren und aktuellen Staatschefs in Europa, Asien und Amerika bestimmen. Sie analysiert zunächst die Bedingungen für den Aufstieg der ersten faschistischen Bewegung, gegründet von Benito Mussolini im März 1919 in Mailand: ein charismatischer Führer nutzte die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer wirtschaftlichen Lage und ihre Angst vor dem Bolschewismus aus, ein zerstrittenes Parlament und ein schwacher Monarch ebneten ihm den Weg zur Macht. Adolf Hitler folgte ihm bald. Madeleine Albright nimmt auch Hugo Chávez, Recep Tayyip Erdoğan, Wladimir Putin und Viktor Orbán für ihren Test unter die Lupe. Sie traf sie alle mehrfach persönlich und bescheinigt ihnen, dass sie anfangs das Leben der Bevölkerung ihrer Länder verbessern wollten. Doch dann sperrten sie politische Gegner ein, diskriminierten Minderheiten, unterdrückten die Presse, schnitten die Verfassung auf sich zu, bauten die Justiz zur Absicherung ihrer Macht um.

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Sehr hart geht sie von Anfang an mit Donald Trump ins Gericht: „Trump ist der erste antidemokratische Präsident in der neueren Geschichte der USA. Zu oft und von Anfang an hat er seine Verachtung für die demokratischen Institutionen zur Schau gestellt, für die Ideale der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit, den bürgerschaftlichen Diskurs, die bürgerlichen Werte und Amerika selbst.“ Er fügt der Demokratie ihrer Meinung nach auf Jahre schweren Schaden zu. Auch deshalb, weil sich Diktatoren in aller Welt nun auf ihn berufen, wenn sie die Demokratie schwächen. Madeleine Albright schrieb ein streitbares Buch. Sie fordert dazu auf, die richtigen Fragen an alle zu stellen, die nach Macht streben. Es geht darum, die Demokratie zu bewahren.

Madeleine Albright mit Bill Woodward: Faschismus – Eine Warnung. Übersetzt von Bernhard Jendricke und Thomas Wollermann; Dumont 2018, 320 Seiten

„Der Boden, auf dem der Westen stand – Eliten wie die Bevölkerungen gleichermaßen –, ist schwankend geworden und die Fragen nach der Zukunft des Westens und Europas, die noch vor wenigen Jahren als absurd erschienen wären, sind heute in den Mittelpunkt des Interesses gerückt“, schreibt Joschka Fischer zu Beginn seiner Analyse der Umbrüche in jüngster Zeit. Als Außenminister der rot-grünen Bundesregierung von 1998 bis 2005 erlebte er hautnah mit, wie konfliktreich und teilweise kriegerisch nach dem Ende des Kalten Krieges sich Europa neuformierte. Zahlreiche Länder wurden in EU und NATO aufgenommen, das Verhältnis zu Russland musste neu bestimmt werden.

In diesem Buch fasst Joschka Fischer zusammen, weshalb die Konflikte vergangener Jahre in verschiedenen Ländern Europas nunmehr die Grundfesten der Staatengemeinschaft erschüttern. Brexit und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA sind Symptome, nicht die Ursachen: „Die gegenwärtige Krise der liberalen Demokratie findet ihren Ausdruck auch in einer Innenpolitischen Akzeptanz- und Systemkrise. Diesmal jedoch droht diese Systemkritik nicht von links, sondern von rechts.“ Joschka Fischer erkennt mit Blick auf Deutschland einen „Aufstieg des neuen Nationalismus“, und zwar von rechts und links. Er nennt als eine Ursache die Umwälzung der Industriegesellschaften, verpasst aber die Chance, deren ökonomische und soziale Folgen stärker zu beleuchten, um die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen zu erklären.

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Präsise formuliert er, wo die Bruchstellen liegen, wenn die Demokratie angegriffen und entkernt wird, denn einer „Demokratie ohne die sie begrenzenden Elemente von Gewaltenteilung, Herrschaft des Rechts und Verfassungsgrundlagen mit Ewigkeitsgarantie wohnt immer auch ein Hang zum Autoritären, ja Totalitären inne. Wenn die Mehrheit alles ist, dann sind Minderheiten nichts. Genau hier erfolgt der Umschlag von Demokratie ins Totalitäre und kommt der starke Mann an der Spitze einer direktdemokratisch legitimierten autoritären Herrschaft ins Spiel.“

Wenn der Westen absteigt, wer steigt dann auf? Joschka Fischer sieht China auf der Überholspur. Das Land steigt zur Weltmacht auf und legte in den vergangenen Jahren wichtige Grundlagen, beispielsweise in technologischer Hinsicht. „Der Abstieg des Westens“ ist kein Abgesang, eher ein Weckruf; ein Beitrag zur Diskussion darüber, welche Probleme gelöst werden müssen, damit sich Europa bei möglichen Konflikten zwischen den Großmächten behaupten kann.

Joschka Fischer: Der Abstieg des Westens – Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Kiepenheuer & Witsch 2018, 234 Seiten