„Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Dieser Satz von George Orwell, geschrieben 1943, steht an der Wand neben seiner Statue, gleich neben dem Haupteingang der BBC in London. Billy Bragg zitiert ihn, weil er seiner Meinung nach die Freiheit zum Dissens und damit das Prinzip der Redefreiheit gut erklärt. Der Singer-Songwriter und Aktivist geht das Thema Freiheit grundsätzlich an. Er erkennt in der Wut vieler Menschen „das Gefühl, dass ihre Stimmen von entfernten Eliten ignoriert werden, die nicht mehr bereit sind, für ihre Handlungen Verantwortung zu übernehmen. Dass es so weit kommen konnte, war kein Versehen. Es ist die Kulmination von jahrzehntelangen reaktionären Bestrebungen, die Demokratie zu neutralisieren und jene auszugrenzen, die die drei Dimension der Freiheit einfordern: Liberalität, Gleichheit und Verantwortlichkeit.“ Denn Moral schützt seiner Meinung nach die Schwachen nicht mehr vor den Starken. Das Gleichgewicht der Liberalität wurde seit dem Ende des Kalten Kriegs ausgehebelt, an seine Stelle trat der Neoliberalismus als Antrieb für die Globalisierung. Die Folgen zeigten sich deutlich in der Finanzkrise ab 2008.

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Für Billy Bragg war sie eine Krise der Verantwortlichkeit, es gelte nun, künftig bessere Entscheidungen zu treffen, „die der ganzen Gesellschaft zugutekommen und nicht nur denen, deren privilegierte Stellung im Machtgefüge auf ihrem enormen Reichtum basiert.“ Wenn wir nun in einer Zeit „abschätziger Demagogen, die voller kraftmeiernder Arroganz für eine Keine-Ahnung-Politik stehen“, leben, gilt es, die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Dazu müssten, so Billy Bragg, jene Kräfte freigesetzt werden, die durch eine neue Verbindung von Liberalität, Gleichheit und Verantwortlichkeit entstehen. Er erinnert daran, wie bereits in früheren Krisen Ungleichheit wirksam bekämpft wurde und nennt eine progressive Besteuerung, kostenlose Gesundheitsversorgung, bezahlbares Wohnen und Bildung: „Eine Art regulierende Demokratie hielt die Märkte im Zaum, und Gier war nicht gut. Heute bedrohen Autoritäre und Algorithmen die Demokratie, während wir darüber streiten, wer das Recht zum Reden hat.“ Billy Bragg bringt seine Argumente auf den Punkt, seine Streitschrift bietet viel Stoff für Diskussionen.

Billy Bragg: Die drei Dimensionen der Freiheit – Ein politischer Weckruf. Übersetzt von Tino Hanekamp; Heyne Encore 2020, 144 Seiten

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Im Jahr der Niederlage des Nationalsozialismus schrieb George Orwell in diesem Essay: „Jeder Nationalist ist getrieben von der Überzeugung, dass sich die Vergangenheit ändern lässt.“ Obwohl er ihn offenbar vor dem Hintergrund der Diskussion unter den englischen Intellektuellen über das künftige Verhältnis der drei Alliierten schrieb, wirkt sein Text hochaktuell. George Orwell nennt drei Hauptmerkmale des Nationalismus: Obsession, Instabilität und Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Ein Nationalist betont obsessiv die eigene Überlegenheit, kreist um sich selbst und gerät dabei in eine instabile Feedbackschleife. Schließlich wird er gleichgültig gegenüber der Realität und blendet komplett aus, was ihm nicht passt. Er strebt immer nach Macht, nicht für sich selbst, sondern für das System, dem er dienen will. Zudem dreht sich sein Denken „stets um Siege und Niederlagen, Triumphe und Demütigungen. Geschichte, insbesondere die zeitgenössische Geschichte, betrachtet er als unablässigen Aufstieg und Niedergang großer Machteinheiten, und jedes Ereignis, das sich zuträgt, erscheint ihm als Beweis dafür, dass seine eigene Seite auf dem aufsteigenden Ast und irgendein verhasster Rivale auf dem Weg nach unten ist.“

George Orwell merkt an, nationalistische Gefühle gehörten „bei den meisten von uns zur Grundausstattung, ob wir wollen oder nicht. Ob man sie loswerden kann, weiß ich nicht, aber ich glaube, dass es möglich ist, sie zu bekämpfen, und dass das in erster Linie eine moralische Anstrengung ist.“ Es gelte also, sich selbst zu reflektieren, um die eigenen Grenzen bewusst zu überwinden. Als er Über Nationalismus schrieb, arbeitete er nicht mehr für die BBC, sondern bei der Zeitschrift Tribune. Sein berühmter Roman 1984 erschien erst im Juni 1949.
Im ebenfalls sehr lesenswerten Nachwort ordnet der Soziologe Armin Nassehi den Aufsatz ein und betrachtet beispielsweise erstarkenden Antisemitismus und wachsenden Geschichtsrevisionismus: „Wenn Rechtspopulisten heute fordern, man müsse die Bewältigung der NS-Vergangenheit und die Formen des Gedenkens überdenken, ist das exakt der Versuch, die Vergangenheit zu ändern, um sich in bestem Lichte darstellen zu können.“ Er nennt George Orwell einen radikalen Demokraten, für den sich die Mehrheit nicht einfach durchsetzt, sondern dem die abweichende Meinung ebenso wichtig erscheint.

George Orwell: Über Nationalismus. Übersetzt von Andreas Wirthensohn, mit einem Nachwort von Armin Nassehi; dtv 2020, 64 Seiten

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