Ihre Insiderberichte über den Alltag hinter den Kulissen der Regierung Trump zeichnen völlig unterschiedliche Bilder: Anonymus beschreibt den Präsidenten als unfähigen, schamlosen und charakterlosen Egoisten, dagegen preist ihn Doug Wead als unabhängigen, genialen und mutigen Visionär.

„Inzwischen sollte jedem klar sein, dass Donald Trump eine der unbesonnensten öffentlichen Figuren der Gegenwart ist. Der Präsident hat große Schwierigkeiten, sich zurückzuhalten, und er schlägt ohne Vorwarnung zu. Sein Verhalten ist der Inbegriff der Unbedachtheit, angefangen mit seiner kruden Rhetorik und den vulgären Scherzen bis hin zu seinen unbescheidenen öffentlichen Reaktionen.“ Die hochrangige Mitarbeiterin oder der hochrangige Mitarbeiter hinter dem Pseudonym Anonymus lässt kein gutes Haar am Präsidenten. Donald Trump spielt Golf, wenn er wichtige Unterlagen lesen müsste und hört in Meetings nur, was er hören will. Was nicht zu seinem Weltbild passt, ignoriert er sofort. Beispiel Strafzölle: „Sie sind lediglich eine gewaltige Zusatzsteuer für Amerikaner, die sie ihres schwerverdienten Geldes beraubt. Bedauerlicherweise ist es keinem Menschen je gelungen, dem Präsidenten zu helfen, diese Wahrheit zu erkennen.“ Entscheidungen von großer Tragweite trifft Trump eher impulsiv und twittert, was ihm gerade einfällt. Seine Spontanität lässt sein Team permanent im Krisenbewältigungsmodus rotieren. Er besteht auf seinem Willen, auch wenn er aus der Sicht von Mitarbeitern dumm, illegal oder unmöglich zu realisieren ist. Deshalb sollen wichtige Berater und Regierungsmitglieder darüber diskutiert haben, ob sie zur Halbzeit der Präsidentschaft geschlossen zurücktreten. Aus Sorge, dass alles noch schlimmer werden könne, ließen sie diese Idee fallen.

Anonymus sorgt sich nicht nur um das Ansehen, sondern auch um die nationale Sicherheit des Landes: „Das Ungestüm des Präsidenten stellt eine Gefahr für unser Militär dar, dessen volles Ausmaß noch in Jahren nicht bekannt sein wird. Dem Pentagon bereitet er heftige Migräne. Jeder, der in höchster Ebene im Pentagon gedient und mit Trump in Momenten der Entscheidung an einem Tisch gesessen hat, weiß das nur zu gut.“ (Auf dem Foto sitzt Donald Trump am 26. Oktober 2019 im Situation Room des Weißen Hauses mit dem Nationalen Sicherheitsberater Robert O’Brien, Vizepräsident Mike Pence, Verteidigungsminister Mark Esper und hohen Militärs.)
Wohin führt solcher Frust, wenn der Bericht zutreffen sollte? Anonymus war anfangs von Trumps politischen Zielen, beispielweise der Kritik an der Gesundheitsreform Obamacare, beeindruckt. Nun wendet sich die Autorin oder der Autors vor allem an republikanische Wählerinnen und Wähler, möchte sie über die Defizite ihres Präsidenten aufklären. Denn eine Wiederwahl, so die Befürchtung, wäre noch schädlicher für das Land, weil Trump dann nur noch eigenen Interessen folgen würde. Die Ukraine-Affäre sei erst der Anfang gewesen: „Es war einfach, einen Haufen Insider-Berichte über den Ernst der Lage abzuqualifizieren. Doch der Haufen ist nun zu einem Berg angewachsen, und die Geschichten zeichnen ein Staatsoberhaupt, das die nationalen Angelegenheiten unentwegt fahrlässig handhabt. Donald Trump verdient es, gefeuert zu werden.“ Das Buch schärft das Bewusstsein dafür, dass es bei Wahlen tatsächlich auf jede Stimme ankommt.

Anonymus: Warnung aus dem Weißen Haus – Ein hochrangiger Trump-Mitarbeiter packt aus. Übersetzt von Angela Koonen, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Quadriga 2019, 336 Seiten

Als der Publizist Doug Wead kurz vor Weihnachten 2018 ins Weiße Haus kam, um sich mit Präsident Trump zu treffen, bewegte er sich auf vertrautem Terrain. Er hatte bereits für zwei US-Präsidenten gearbeitet und kannte die Regierungszentrale von zahlreichen Besuchen. Nun durfte er für ein Buch über seine Sicht auf die Präsidentschaft von Donald Trump umfangreich mit dessen Familie sowie hohen Regierungsmitgliedern sprechen. Dabei sah er in Donald Trump stets einen erfolgreichen Politiker, der sich glänzend gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte: „Als Präsident der Vereinigten Staaten hatte Donald Trump allem Anschein nach das Unmögliche vollbracht. Während feindselige Medien täglich auf ihn einprügelten, hatte er dazu beigetragen, die amerikanische Wirtschaft wieder aufzubauen, ohne viel Aufhebens 21 Geiseln nach Hause gebracht, die frühere Regierungen so gut wie aufgegeben hatten, und sein Versprechen gehalten, »für den Arbeitsmarkt der beste Präsident zu sein, den Gott je erschaffen hat«.“

The White House/Tia Dufour

Mit seinem Report liefert Doug Wead weniger eine eigene Analyse, vielmehr lässt er ausführlich Trumps Kinder Ivanka, Donald Jr., Eric, Lara und Tiffany zu Wort kommen. Schwiegersohn Jared Kushner präsentiert er als verschwiegenen, nachdenklichen Strategen. Ihre Berichte geben umfangreichen Einblick in die Zeit des Wahlkampfs, der mit kleinem Team und übersichtlichem Budget aus dem eigenen Familienbetrieb heraus geführt wurde. Dabei konnte Donald Trump von seinem hohen Bekanntheitsgrad als TV-Moderator und seinem Außenseiter-Image in der politischen Arena profitieren. Allerdings haben alle Beteiligten offenbar kaum über die Schließung der Wahllokale hinaus gedacht, von den Medien und politischen Kommentatoren wurden Donald Trump ebenfalls bis zum Finale kaum Siegchancen eingeräumt.
Überhaupt: Dass das Establishment und die Medien den Präsidenten Trump ganz anders beurteilten als er sich selbst, taucht im Buch mehrfach auf: „Die Gehässigkeit Hollywoods und mancher Publikationen in ihrer Geschmacklosigkeit war kaum zu überbieten, doch die Kampagne der Fernsehsender gegen die neue Regierung Trump war nicht minder heftig. Die Sender waren von den Unternehmen abhängig, die sie finanzierten, und diese wiederum von einem System, das von Natur aus bestimmte Unternehmen favorisierte und andere nicht. Donald Trump, der Außenseiter, war selbst Milliardär und daher durch üppige politische Spenden nicht legal zu bestechen. Durch diese Unabhängigkeit wurde er zum Störfaktor, als er sich bemühte, der wirtschaftlichen Misere im Land mit gesundem Menschenverstand entgegenzutreten.“
Doug Wead schrieb einen Bericht über die bisherigen Leistungen des amtierenden Präsidenten, wie ihn dieser gewiss gern lesen würde. Donald Trump allein kurbelte die Wirtschaft an, rettete den Weltfrieden und trat allen entgegen, die seiner Meinung nach eine erfolgreiche Entwicklung verhinderten. Kein Wort zur explodierenden Staatsverschuldung oder zahlreichen neuen Konflikten in und außerhalb des Landes. Darüber hinaus erklärt Doug Wead aber möglicherweise ungewollt, wie es passieren konnte, dass Donald Trump überhaupt ins Weiße Haus einzog, wie im Trump-Universum gedacht und geredet wird.

Doug Wead: Donald Trump – Die wahre Geschichte seiner Präsidentschaft. Übersetzt von Petra Pyka; FinanzBuch 2019, 512 Seiten